Rezension der neuen CD “GUITAR” vom Herausgeber und Chefredakteur der Gitarrenfachzeitschrift “Gitarre aktuell” (Heft II / 01 Juli 2001)

 CDs

ausgewählt und vorgestellt

von Peter Maier

 

 Rund 20 Jahre ist es her, dass Andreas Herzau auf Vinyl seine beiden LPs "Große Gitarristen" (1980) und "Guitar" (1982) veröffentlichte, die nun geschlossen und digital remastered auf einer CD erschienen sind. Die mit knapp 80 Minuten Spielzeit gut gefüllte Scheibe bietet dann auch ein großes Programm des Kölner Gitarristen, so wie er es auch häufig - in Ausschnitten bzw. Teilen - bei seinen Live-Auftritten vorträgt. Auch heute noch. Gern werden die in dieser (oder ähnlicher) Form ausgewählten und interpretierten Stücke auch als Segovia-Repertoire bezeichnet; die einen finden das gut, andere haben sich damit abgefunden, inzwischen ist es wohl kein ernst zu nehmendes Thema mehr, das einer Diskussion bedarf. Das heißt auch, dass in den letzten zwanzig Jahren trotz häufig bemühter radikaler Veränderungen des Repertoires auf Platten oder in Konzerten, heutige Künstler sich hin und wieder dem annähern, was damals kritisiert wurde. Natürlich spielt man Tárrega und Villa-Lobos, Giuliani und Paganini, vielleicht lässt man heute die kleinen Stücke eher weg (die doch oft so reizvoll auf der Gitarre klingen) und spielt statt einzelner Lieblingssätze (Romanze a-moll von Paganini) lieber die ganze Sonate. Das hat aber Julian Bream auch schon vorgeführt, so dass die Entscheidung dafür oder dagegen auch eine Frage der Herangehensweise ist.

Andreas Herzau führt Gitarrenlieblingsstücke vor und hat damit eigentlich die weniger mit dem Instrument vertrauten Hörer auf seiner Seite: Wenn von Sagreras "El Colibri" erklingt, ist doch jeder gleich in seiner Vorstellungskraft bestärkt, denn wer kann aus diesem Stück nicht den flirrenden, flüchtigen, bunten Vogel heraushören? Um das Tierleben zu komplettieren, hat Herzau auch immer das Stück "Die Hummel" (El Abejorro) von Pujol im Gepäck, bevor er sich vielleicht dann den Präludien und Etüden von Villa-Lobos zuwendet. Tárrega ist unbedingt Herzaus-Angelegenheit... man möge das Wortspiel verzeihen! Von dem Spanier, der sozusagen die gitarristische Neuzeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingeläutet hatte, spielt der Fleta-Fetischist auf dieser Platte sage und schreibe zehn Stücke, und er lässt den Tremolo-Ohrwurm "Recuerdos de la Alhambra" nicht aus. Warum auch, hat er nicht vor nicht allzu langer Zeit eine ausführliche Studienausgabe (Merseburger) dieses raffinierten Stücks herausgebracht, um den Eleven die rasche Fingerfolge ganz nahe zu bringen!?

Während allerdings die genannten Stücke für den Gitarristen und auch für die Gitarristik heute eher dokumentarischen Wert haben mögen - man muss dabei auch die vielen, vielen Einspielungen, die es seitdem gegeben hat, berücksichtigen -, ist das längste und Andreas Herzau gewidmete Werk "Guitar" vom Engländer James Stevens ein Repertoire-Geheimtip wie auch eine -Ergänzung, die unbedingt (mehr) Beachtung finden sollte. Deshalb wäre es wünschenswert, dass diese (natürlich Patina angesetzte) CD mit dem sechssätzigen, etwa 17minütigen Werk Stevens', auch Vorbildfunktion hat und "Guitar" Nachahmer, Interpreten finden möge. Ein Ignorieren von geschriebener zeitgemäßer Musik für Gitarre können wir uns eigentlich nicht leisten.

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